Zwei Jahre Kölner Urteil: Neues Fachbuch heizt Beschneidungs-Diskussion wieder an

Experten-Allianz klärt erstmals umfassend auf.
Videointerview „Hinschauen, was Kindern angetan wird.“

(Göttingen, Wien, 7.5.14, PUR) “Die Religionsfreiheit Erwachsener endet an der Körpergrenze von Kindern”, postuliert Matthias Franz, Universitätsprofessor für psychosomatische Medizin Düsseldorf, im brandaktuellen, von ihm herausgegebenen Buch „Die Beschneidung von Jungen – Ein trauriges Vermächtnis“. Zwei Jahre nach dem Kölner Urteil, das rituelle Beschneidung als Körperverletzung bewertet, legen nun erstmals Betroffene, Ärzte, Juristen, Psychoanalytiker, Politiker, Historiker und jüdische Intellektuelle umfassend die Fakten zur Vorhautamputation dar und plädieren für einen sachlichen Diskurs fernab von klerikalen Machtansprüchen. Sie lassen keinen Zweifel darüber offen, dass „in einer aufgeklärten Welt kein Platz mehr für steinzeitliche Verletzungsrituale ist, wenn dadurch Kinder verletzt werden, die sich nicht frei entscheiden können“, wie der Herausgeber ausführt. In Deutschland lebt die Diskussion zur religiösen Vorhautamputation wieder auf: Gestern fand eine vielbeachtete wissenschaftliche Tagung zum Thema statt: Das Symposium: „Genitale Autonomie: Körperliche Unversehrtheit, Religionsfreiheit und sexuelle Selbstbestimmung – von der Theorie zur Praxis“ genitale-autonomie.de
Für den heutigen Tag ist eine große Kundgebung von Antibeschneidungsaktivisten geplant.
genitale-selbstbestimmung.de/rednerliste

Vorhautamputation auch ein Milliardengeschäft

Im Buch schreibt der Kinderarzt Christoph Kupferschmid über die wichtige Funktion der Vorhaut und die unzureichende Schmerzbekämpfung. Die Kinderchirurgen Matthias Schäfer und Maximilian Stehr klären über die medizinischen Risiken der Beschneidung auf und beleuchten auch Macht- und Wirtschaftsinteressen: In den USA macht der Beschneidungsmarkt Umsätze in Milliardenhöhe. Die Komplikationsrate, beispielsweise durch Narbenbildung und Verengung der Harnröhre, beträgt rund 5%. Im Erwachsenenalter treten bei Beschnittenen drei Mal häufiger sexuelle Empfindungsstörungen und Orgasmusprobleme auf, denn die freiliegende Eichel bildet eine dünne Hornhautschicht und wird im Laufe der Jahre immer unsensibler, auch die Sexual-Partnerinnen beschnittener Männer leiden mit. Die Juristen Rolf Dietrich Herzberg, Holm Putzke und Jörg Scheinfeld sehen in diesem Buch die Grundrechte des Kindes und den Gleichheitsgrundsatz verletzt.

Auch rituelle Mädchenbeschneidung wieder auf den Agenden?

Der Strafrechtler Holm, dessen strafrechtliche Bewertung der rituellen Vorhautbeschneidung das Kölner Urteil entscheidend vorbereitet hatten, bezeichnet den später geschaffenen, politisch beeinflussten Rechtsparagraphen, der rituelle Beschneidung legalisiert, als verfassungswidrigen Fremdkörper in der deutschen Rechtsordnung. Und Irmingard Schewe-Gerigk, Vorsitzende von Terre des Femmes, Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung, befürchtet im Zusammenhang mit der nun erlaubten rituellen Jungenbeschneidung einen zivilisatorischen Rückfall im Bereich der Kinderrechte von Mädchen, wie sie im Buch darlegt.

Aufrüttelndes Video zu Kinderrechten

Die Journalistin Teresa Arrieta hat anlässlich der Wiener Buchpräsentation ein Videointerview mit dem Herausgeber Matthias Franz geführt. Er spricht über die Beschämung der Betroffenen, die das erlittene Kindheitstrauma ebenso schwer in Worte fassen können wie im Erwachsenenalter auftretende Orgasmusprobleme aufgrund der desensibilisierten Peniseichel. Er ruft er zu einer Allianz von Betroffenen, mitbetroffenen Müttern und Sexualpartnerinnen sowie wissenschaftlichen Experten auf: „Hinschauen, was den Kindern angetan wird.“

Jüdische Identität bewahren auch ohne Beschneidung

Ein zweites Videointerview hat Teresa Arrieta mit dem französischen Historiker Jerome Segal geführt, der im neuen Buch einen Artikel zur Vorhautamputation aus jüdisch-humanistischer Perspektive verfasst hat. Sein Tenor: Die jüdische Identität ist durch den Verzicht auf die Beschneidung nicht gefährdet, Säuglinge sollte man nicht mit dem Messer willkommen heißen.

Umfrage: ÖsterreicherInnen gegen rituelle Genital-Beschneidung

Auch die Österreich stehen der religiösen Vorhautamputation kritisch gegenüber: Laut einer Integral-Umfrage wollen mehr als zwei drittel der Befragten ein gesetzliches Schutzalter von 16, mehr als die Hälfte möchten die religiöse Zwangs-Beschneidung Minderjähriger bestraft sehen. www.ots.at/presseaussendung

Die-Beschneidung-von-JungenMatthias Franz (Hg.)
Die Beschneidung von Jungen
Ein trauriges Vermächtnis
www.v-r.de

1. Auflage 2014
448 Seiten mit 11 Abb. kartoniert
ISBN 978-3-525-40455-3
Vandenhoeck & Ruprecht
€ 29,99

 

www.v-r.de, www.kirchen-privilegien.at

Presse-Rückfragen und Rezensionsexemplar: PURKARTHOFER PR,
Tel.: +43-664-4121491, info@purkarthofer-pr.at

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